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Lernzeit für die 3. und 4. Klasse mit Karl Zambal

Zukunft passiert

Während sich das offizielle Bildungsösterreich endlose ideologische Grabenkämpfe in Sachen Schulreform liefert, praktizieren eine Reihe von Alternativschulen längst die Zukunft der Bildung. all4family hat sich in der „Ätsch“, der ältesten freien Schule Österreichs umgesehen.

Der erste Eindruck: bunt, lebendig, kreatives Chaos. Zwanzig Kinder purzeln durch die „Ätsch“, die vor vielen Jahren ihre Räumlichkeiten im Wiener Kinderhaus Hofmühlgasse bezogen hat. 1978 als Gegenmodell zum starren offiziellen Schulsystem von einer Handvoll engagierter Eltern gegründet, kann der „Verein für emanzipatorische Erziehung“ wie die Schule im vollen Wortlaut heißt, mittlerweile auf fast 30 Jahre Erfahrung mit häuslichem Unterricht zurückblicken. Die Grundidee eines respektvollen und wertschätzenden Miteinanders von Kindern, LehrerInnen und Eltern, die gemeinsam für die Gestaltung der Schule Verantwortung tragen, hat sich dabei nicht verändert. Im Mittelpunkt stehen die Kinder mit all ihren Bedürfnissen, Talenten und Fähigkeiten. Das Entwickeln von sozialer Kompetenz, Konflikt- und Kommunikationsfähigkeit, Kreativität und die selbständige Wissensaneignung werden als ebenso wichtig erachtet wie das Erlernen der Kulturtechniken Lesen, Schreiben, Rechnen und Englisch. Damit die individuelle Förderung auch wirklich funktioniert, stehen für die Ätsch-Kinder zwei Lehrpersonen zur Verfügung, zusätzlich gibt es noch eine dritte Lehrkraft, die je nach Bedarf einmal pro Woche mit den Kindern arbeitet. Unterrichtet wird in zwei Gruppen: Die eine Hälfte der Kinder besucht gemeinsam die erste und zweite, die andere Hälfte die dritte und vierte Klasse. Da die Schule kein Öffentlichkeitsrecht besitzt, legen die Kinder am Ende jeden Jahres eine Externistenprüfung über den Lehrstoff der jeweiligen Schulstufe ab, um zu gewährleisten, dass ihr Können später vom öffentlichen Schulsystem anerkannt wird. Was übrigens spielend gelingt.

Zweites Zuhause

„Na dann kommt, fangen wir an!“ Es ist Montag, 9 Uhr und Karl Zambal, seit beinahe 20 Jahren fester Bestandteil der „Ätsch“, ruft die Kinder zur morgendlichen Besprechung. Nach einer gemeinsamen Singrunde mit viel Blödelei und Gelächter wird diskutiert, was in der kommenden Woche ansteht und gemacht werden soll. Vorschläge und Wünsche werden präsentiert und von den Kindern durch Abstimmung ausgewählt. Danach geht es in die jeweiligen Lerngruppen. „Du Gudi, was machen wir heute?“ Gudi, das ist Gudrun Grassinger, seit einem Jahr Lehrerin für die Kinder der 1. und 2. Klasse. „Was willst Du denn machen?“ Hmm, mal überlegen.

Lernzeit in der 1. und 2. Klasse mit Gudrun

„Es macht großen Spaß mit den Kindern zu arbeiten. Der Unterricht ist sehr frei und die Inhalte ergeben sich im Miteinander ganz automatisch“, zeigt sich Gudrun Grassinger begeistert. Lehren, und das gilt für alle Alternativschulen, bedeutet begleiten, fördern und die Kinder in ihrer natürlichen Entwicklung unterstützen. In der Ätsch findet das zum einen in den drei Stunden Lernzeit pro Tag statt, zum anderen innerhalb des Nachmittagprogramms, das an zwei Tagen Ausflüge, Turnen, Schwimmen oder Eislaufen beinhaltet. An den anderen Nachmittagen überlegen sich Eltern und Lehrer kreative Angebote, wobei die Kinder frei wählen können, ob sie lieber spielen oder werken. Dazwischen gibt es ein gemeinsames, von einem Elternteil zubereitetes Mittagessen. Wenn sich die Schule nicht gerade auf einer ihrer Exkursionen befindet: Herbstwandertage, Schiwoche und Radtage gehören nämlich ebenso zum Programm wie das Zeltlager am Ende des Schuljahrs. Hausübungen kennen die Kinder der Ätsch nicht. „Die angstfreie Umgebung, das familiäre Klima und das individuelle Eingehen auf ihre Interessen schafft hohe Motivation“, erläutert Karl Zambal. „Das Lernen ist spannend und macht Spaß, da erübrigen sich zusätzliche Übungen einfach.“

Bühne fürs Leben

Wo sich die Erde dreht - Ätsch Theaterproduktion 2006

Ein wichtiger Bestandteil und jährlicher Höhepunkt ist das Theaterprojekt. Dabei äußert jedes Kind seinen Rollenwunsch und rund um diese vielfältigen Vorstellungen wird gemeinsam ein Stück entwickelt. Karl Zambal macht die dramaturgische Bearbeitung, verfasst die Texte und wer singen will, bekommt ein Lied auf den Leib geschrieben. Ganze 23 Theaterstücke und unzählige Kompositionen sind auf diese Weise bereits entstanden. Während des ganzen Herbsts wird geprobt, es werden Kulissen gebaut und die Eltern entwerfen Kostüme. Wenn sich im Dezember schließlich der Vorhang hebt, stehen die Kinder mit Selbstbewusstsein und Feuereifer auf der Bühne und genießen den Beifall des begeisterten Publikums. „Die universelle Arbeit des Theaters fördert die Kreativität, das Lernen und die persönliche Entwicklung jedes einzelnen, es schweißt die Gruppe zusammen und sorgt für Selbstbewusstsein“, gibt sich Karl Zambal überzeugt. Wer die Ätsch-Kinder in all ihrer Neugier und Kontaktfreudigkeit erlebt, kann das nur bestätigen.

Von nix kommt nix

Was nach schulischem Schlaraffenland klingt, erfordert natürlich ein hohes Engagement der Lehrpersonen und auch der Eltern. Die Basis der Ätsch ist der Elternverein, der für den organisatorischen Rahmen der Schule verantwortlich ist. Putzen, Kochen, Schule renovieren und die Begleitung bei den Exkursionen gehört neben den monatlichen Elternabenden zum Pflichtprogramm. Daneben muss wie bei allen Alternativschulen ein monatliches Schulgeld bezahlt werden.

Mittagessen in der Ätsch

„Rund 350.- Euro kostet eine Ganztagesbetreuung in einer österreichischen Alternativschule im Schnitt, wobei fast alle Schulen eine soziale Staffelung anbieten“, erläutert Momo Kreutz, Geschäftsführerin des „Netzwerk freier Schulen“ die derzeitige Situation. „Unser Ziel ist die Anerkennung der Schulen in freier Trägerschaft als einen Sektor im Bildungswesen, der auch bundesunterstützt werden sollte. Jedes Kind, das nach diesem Konzept lernen will, sollte auch die Gelegenheit dazu bekommen, unabhängig von der finanziellen Situation.“ Wer weiß, vielleicht wird der Wunsch ja wahr. Denn alleine als Zukunftslaboratorien für schulische Entwicklungsarbeit müssten die engagierten Alternativschulen dem Staat eigentlich bereits Gold wert sein. Wenn er bereit wäre, hinzuschauen…

Erschienen in: all4family, Ausgabe 5/2007, www.all4family.at